Kristin Draheim, 26 Jahre, Krakau
Multikulturell. Wenn man die blonde junge Frau im gestreiften Shirt und Jeansrock sieht, dann denkt man nicht sofort an diesen Begriff. Aber weit gefehlt: Die Großeltern haben polnisch-ukrainische Wurzeln, ihre Eltern haben in verschiedenen Ländern gelebt, sie ist in Island zur Schule gegangen, hat während des Bachelorstudiums in Russland studiert, in einer WG mit polnischen Studentinnen gelebt und ist jetzt zum Masterstudium nach Krakau gekommen. Kristin Draheim ist multikulturell. Definitiv. „Und ich bin seit drei Jahren mit einem Bosnier verheiratet. Das ist eigentlich meine größte interkulturelle Erfahrung“, erzählt sie schmunzelnd.
Ohne Scheu vor einer anderen Sprache, anderen Menschen und Kulturen zog es die 26jährige immer wieder ins Ausland. Selbst als sie nach Deutschland zurückkehrte, um an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt/Oder zu studieren, entschied sie sich auf der polnischen Seite des Flusses zu wohnen, in Słubice. Im Studentenwohnheim lebte Kristin dort mit acht Polinnen zusammen. „Ich habe den ganzen Tag nur Polnisch gehört, das hat mehr gebracht als jeder Sprachkurs.“
Mittlerweile ist Kristin nach Krakau gezogen und absolviert dort ein Auslandssemester für ihren Master of Intercultural Communication Studies.
Die Uniwersytet Jagielloński (Jagiellonen-Universität) ist die zweitälteste Universität Europas. Die deutsche Studentin weiß, dass es nicht selbstverständlich ist, hier zu lernen: „Die Hochschule hat einen sehr guten Ruf und ist Mitglied der 1985 gegründeten Coimbra-Gruppe, ein Netzwerk führender europäischer Unis mit langjähriger Tradition wie Oxford und Cambridge. Die Polen sind mächtig stolz darauf“. Und auch in Kristins Stimme schwingt Stolz mit, wenn sie davon berichtet.
Die Studentin wohnt bei einem jungen Paar und weiß die Vorteile einer Gastfamilie zu schätzen: „Man bekommt einfach viel mehr mit. Traditionen, Kultur, die Sprache, die Denkweisen der Leute, Feiertage und Feste. Ach ja, und das Essen“, Kristin lacht laut. „Tomek, bei dem ich wohne, macht die besten Suppen in Polen“.
Zu Tomek und seiner Freundin Monika hat die Deutsche ein sehr gutes Verhältnis, sie sind Freunde geworden. „Die beiden haben mir viel über Krakau und Polen erzählt und mir Ecken gezeigt, die Touristen nicht unbedingt zu sehen kriegen. Das sind Dinge, die lernt man in der Uni nicht“. Deshalb empfiehlt Kristin auch anderen Studenten, in einer Familie zu wohnen, wenn sie ins Ausland gehen.
Die Deutsche denkt darüber nach, ihre Dissertation ebenfalls in Polen zu schreiben. Kultur, Land und Leute sind ihr ans Herz gewachsen und sie fühlt sich sehr wohl. Und so ganz loslassen kann Kristin Draheim jetzt noch nicht: „Wenn ich wieder zurück in Słubice bin, radele ich jeden Morgen über den Fluss von der polnischen Seite zur Universität in Frankfurt/Oder auf die deutsche Seite. Damit bin ich sozusagen zur Grenzgängerin geworden.“










